Kater Zoe 5

Das nächste Spannende, habe ich auch in einer Nacht erlebt. Es war warm draußen, deshalb war auch das Schlafzimmerfenster ganz weit geöffnet. Ich hatte mich an Frauchen gekuschelt und wir haben ganz fest geschlafen, als mich ein scharfer Geruch so schlimm in die Nase biss, dass ich erschrocken hochfuhr. Ich habe versucht mich zu orientieren und herauszufinden was das war. Das ist mir nicht gelungen. Da der Geruch ständig stärker wurde und nun auch meine Augen zu tränen gegannen, habe ich großes Theater gemacht. Frauchen musste einfach wach werden und machen, dass es aufhört. Ich habe geschafft sie zu wecken. Erst hat sie mich noch ein bisschen benommen gefragt, was denn los sei. Das ist ja auch kein Wunder, es muss etwa nachts um zwei gewesen sein. Aber dann hat sie es wohl ebenfalls gerochen. Sie sprang förmlich aus dem Bett und begann sich umzusehen. Unser ganzes Zimmer war schon blau genebelt. Doch es kam eindeutig nicht aus unserer Wohnung. Frauchen hat gesehen, dass es im Innenhof schlimmer war und dass es aus einer Wohnung auf der anderen Seite kam. Sie hat sofort die Feuerwehr angerufen. Die war auch ganz schnell da. Trotzdem mussten wir am nächsten Tag in der Zeitung lesen, dass die ältere Dame aus der Wohnung gestorben war. Das hat Frauchen sehr unglücklich gemacht. Herrchen hat ihr gesagt, dass wir beide ganz vielen Menschen das Leben gerettet hatten. Aber sie hat trotzdem viele Tage gebraucht bis sie nicht mehr ständig an die Dame dachte.

Bevor ich euch das allerdings berichte, will ich euch noch sagen wie Frauchen mir beigebracht hat Türen zu öffnen.

Immer, wenn ich vor einer geschlossenen Tür gesessen habe und mautze, dass ich hinaus wöllte, hat Frauchen mich hochgehoben, mit meinen Pfoten die Klinke herunter gedrückt und mich dann wieder unten abgesetzt. Anschließend konnte ich die Tür mit meiner Pfote aufziehen. Das haben wir drei Mal gemacht und dann wusste ich wie das geht. Als ich es das erste Mal ganz allein gemacht habe, hat Frauchen mich ganz doll gelobt. Katzen sind nämlich ziemlich schlau und wenn man weiß wie, kann man uns einiges beibringen.

Nun aber zu meinem nächsten Kamikazeerlebnis.

Am Wochenende sind Frauchen und Herrchen oft zu Herrchens Eltern gefahren und sie haben mich mitgenommen. Ich habe mich jedes Mal wie verrückt darauf gefreut. Dort konnte ich nämlich draußen herumstromern. Wenn Frauchen mich dann abends gerufen hat, bin ich immer sofort zu ihr gerannt und wir sind wieder nach Hause gefahren.

Nur bei einem Besuch ist nicht alles so glatt gelaufen. Es war ein schöner Herbsttag. Frauchen hatte jetzt schon einen richtigen Kugelbauch und wir sind mal wieder zu Herrchens Eltern gefahren. Der Abend war voll mit neuen Gerüchen nach Herbstlaub und Pilzen. Ich bin glücklich spazieren gegangen, als sich mir ein riesiger Kater in den Weg gestellt hat. Ich wusste sofort, dass es Ärger geben würde. Er hat auch gar nicht mit sich verhandeln lassen. Er stürtze sich auf mich und ich habe gefaucht und gekratzt und gebissen so gut ich konnte. Aber er war echt fies. Er hat nach meinem Auge gekratzt und es auch getroffen. Das sind Schmerzen, die bis in die kleinste Faser gehen. Ich muss wie wahnsinnig geschrien haben. Dann weiß ich nichts mehr.

Nachdem ich wieder aufwachte, hörte ich Frauchen und Herrchen nach mir rufen. Sie klangen ganz traurig. Da habe ich mich ganz benommen auf den Weg zu ihnen gemacht. Das verletzte Auge habe ich derweil zusammengekniffen. Auch als ich sie gefunden hatte, habe ich mich nicht ansehen lassen. Ich bin einfach in meinen Korb gekrochen und habe mich nach Hause fahren lassen.

Zu Hause wollte ich erst nicht aus meinem Korb aussteigen. Auch da habe ich die ganze Zeit das Auge nur ein wenig geöffnet. Darum wussten sie auch nicht, wie schlimm ich mich wirklich verletzt hatte. Sie haben mich beobachtet, aber ich war weder benommen, noch habe ich gejammert. Frauchen und Herrchen waren irgendwann so müde, dass sie ins Bett gegangen sind. In der Nacht bin ich ganz hinten unter die Wanne gekrochen. Das war der einzige Ort, der mir sicher schien. Außerdem hat das Licht mich da nicht geblendet.

Morgens haben sie mich gesucht und dann versucht mich hervorzulocken. Aber ich habe mich nicht einen Millimeter gerührt. Sie konnten mich auch nicht erreichen. Herrchen hat mit einer Taschenlampe geleuchtet und da hat Frauchen gesehen, dass meine Netzhaut verletzt ist. Herrchen musste mich unter der Badewanne hervorzotteln, dass sie mit mir zum Tierarzt fahren konnten.

Wir mussten gar nicht lange warten. Der Tierarzt hat sich die ganze Geschichte angehört. Dann hat er Frauchen gebeten mich festzuhalten. Das finde ich übrigens super, dass mich in so einer Situation nicht etwa auch noch ein Fremder anfasst. Er hat sich jedenfalls mein Auge angesehen und gesagt, dass er es entfernen müsse. Ich habe mich ganz schön darüber erschrocken. Ich hatte ja keine Ahnung, wie das gehen sollte mit nur einem Auge. Zum Mäusefangen musste man doch beide Augen haben und wenn wieder so ein Fiesling vorbei käme, wie söllte ich gegen ihn kämpfen und wie würde ich irgendwo hinspringen ohne mich ständig beim Abstand zu vertun und herunter zu fallen.

Offenbar waren das auch die Fragen, die Frauchen auf der Seele lagen, sie hat sie nämlich gleich alle gestellt. Der Arzt hat gesagt, dass das nicht so schlimm wäre, weil Katzen sich vor allem mit den Schnurrhaaren orientieren.

Da haben Frauchen und Herrchen der Operation zugestimmt. Ich durfte auch gleich dableiben und nachmittags sollten sie mich wieder abholen.

Von der Operation habe ich nichts mitbekommen, da habe ich ja geschlafen. Auch als mich Herrchen und Frauchen wieder abgeholt haben, war ich noch sehr benommen.

Ich konnte nur noch mit einem Auge schauen und meine Schnurrhaare hatten sie mir rechts auch abrasiert. Aus dem jetzt zugenähten Auge hing Verbandmull um Wundflüssigkeit aufzunehmen. Das hat mich schon ziemlich genervt. Zu Hause angekommen habe ich den Rest des Tages verschlafen. Abends durfte ich ein bisschen fressen und habe mich danach sofort wieder auf meine Decke gekuschelt. Frauchen hatte sie mir auf den Boden gelegt, dass ich nicht auch noch von der Couch falle. Ich möchte ganz ehrlich mit euch sein. An dem Tag war mir furchtbar jämmerlich zumute. Doch Frauchen hat mir die ganze Zeit gut zugeredet, wie toll ich das machen würde und nach einiger Zeit fühlte ich mich schon etwas besser.

Zwei Tage später bin ich zum ersten Mal wieder durch unsere Wohnung geflitzt. Das ging auch gleich super nur, als ich auf die Sessellehne springen wollte bin ich hinten über gekippt.

Das hat sich leider die ganze erste Woche nicht gebessert. Als wir nach einer Woche zum Fäden ziehen und Mull entfernen bei meinem Tierarzt waren, hat er uns aber beruhigt, dass das nur an den abrasierten Schnurrhaaren lag. Diese würden bald nachwachsen und ich könnte herumspringen wie vorher. Was soll ich sagen. Er hatte schon wieder recht.

Seit dieser Aktion habe ich zwei Spitznamen von Frauchen bekommen: Kamikatze und einäugiger Pirat. Sie meint das nicht böse, daher nehme ich es ihr auch nicht übel.

Einmal war ich noch bei meinem Tierarzt, bevor wir uns für vierzehn Jahre nicht gesehen haben. Ich wurde kastriert. Das heisst, dass dem Kater die Hoden komplett entfernt werden. Mir ging es danach viel besser. Ich war entspannter und hatte nicht mehr das Gefühl alles markieren zu müssen. Natürlich konnte ich so auch keine Kinder mehr zeugen, aber das hat mich nicht weiter gestört.

 

DCIM100MEDIA

Author

diana.schloessin@schoenschrift-verlag.de

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