Semnonenbrauch

Semnonenbrauch

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Ich saß im Schneidersitz unter einer Rotbuche und blickte sehnsüchtig auf ihren Stamm, an den ich mich zu gern angelehnt hätte. Aber schon mich vorsichtig auf die weiche Erde niederzusenken, hatte so sehr geschmerzt, dass ich allerlei lästerliche Flüche ausgestoßen hatte, bis ich endlich saß. Im Augenwinkel hatte ich gesehen wie einige Semnonen blass um die Nase geworden waren, als sie mich hörten und Ragin, der Knecht war sogar knallrot angelaufen. Ich glaubte zwar kaum, dass sie die Worte verstanden hatten, aber die Bedeutung hatte sich ihnen eindeutig erschlossen. Gwendolin und Landogar, meine beiden Stiefkinder, die mich an den Fluss begleitet hatten, taten so, als hätten sie nichts mitbekommen, wofür ich ihnen sehr dankbar war. Inzwischen tollten sie wild mit Albins und Salgardis Zwillingen über die Wiese und spielten Hasche. Ich schloss meine Augen, streckte der Frühlingssonne genießerisch mein Gesicht entgegen und lächelte über ihre Lebensfreude.

Der Fluss plätscherte leise vor sich hin und erinnerte mich an den Beginn des Musikstücks „Die Moldau“ von Smetana. Weich legte ich meine linke Hand unter meinen angeschwollenen Bauch und streichelte ihn zärtlich mit meiner Rechten. Unser Baby schien die Strapazen der letzten Wochen gut überstanden zu haben und mir wurde bewusst, welch ein Glück ich hatte am Leben und hier zu sein. Ich hatte noch gar keine Zeit gehabt, das richtig zu begreifen. Irgendwie war seit meiner Ankunft hier so viel Markerschütterndes, Beängstigendes und Herzergreifendes geschehen, dass ich die meiste Zeit nur pragmatisch reagieren konnte, um das alles wenigstens halbwegs heil zu überstehen.

Es war so ein großes Geschenk überhaupt noch am Leben zu sein und ich hatte noch dazu Egmont gefunden, der mich ebenso sehr liebte, wie ich ihn. Ich schniefte überwältigt und flüsterte leise ein Gebet an Nerthus, denn nur ihr hatte ich zu verdanken, dass ich hier gelandet war, zweitausend Jahre vor meiner Geburt. Meine ursprüngliche Zeit kam mir, nachdem ich fast drei Jahre in Bernhards Dorf lebte, wie ein Traum vor. Flugzeuge, Autos oder warme Duschen gab es hier nicht und meist vermisste ich keins davon, aber auch mein Studium der Indogermanistik, welches ich in Erlangen machte, kam mir völlig unwirklich vor. So als hätte es nie stattgefunden. Ich hatte gern studiert, einmal, weil ich Sprachen mochte, dann weil ich sowieso Spaß hatte, wenn ich lerne und weil es etwas besonderes gewesen war, dort zu studieren. Inzwischen brauchte ich kein Studium mehr, um die Semnonen zu verstehen, meine Stimme hatte inzwischen vermutlich sogar ihren Singsang angenommen. Ich grinste unwillkürlich und schüttelte dann belustigt meinen Kopf darüber, wie sehr mich das freute.

Ich hatte inzwischen sogar Freunde hier gefunden. Eine davon war Marada, die Großmutter von Egmont, die die Heilerin im Ort war und mich ausbildete. Sie war mir besonders ans Herz gewachsen, weil sie stets weise und gütig handelte, was mich tief beeindruckte. Auch Albin, der gallische Schmied, hatte sich für mich eingesetzt und mir beigestanden, als es sonst niemand im Dorf tat. Ich hoffte sehr, dass ich es ihm eines Tages würde vergelten können. Und dann war da noch Bernhard, der Vater von Egmont, der ein ruhiger und geduldiger Anführer war, zumindest solange man seine Nerven nicht überstrapazierte. Eine Kostprobe davon, wie sich das dann anhörte bekamen wir heute Morgen, als Eduard und Kunella, meine frisch gewonnenen Feinde, das Dorf hatten verlassen müssen. Da hatte ich noch im Bett gelegen, doch Almudis Kreischen und für sie Flehen, gellte noch immer in meinen Ohren. Es hatte erst aufgehört, nachdem Bernhard ihr angedroht hatte, dass sie mit ihnen gehen dürfte, wenn sie jetzt nicht endlich Ruhe gäbe.

Sie war daraufhin zwar verstummt, hatte aber beim Frühmahl versucht mich mit Blicken zu erdolchen, woraufhin sich Egmont betont munter über das angenehme Frühlingswetter mit mir zu unterhalten begann. Wenn ich das richtig einschätzte, würde er sich zu einer Glucke entwickeln und mich bis zur Niederkunft nicht mehr aus den Augen lassen. So hatte er zumindest geschaut, als ich ihm gestanden hatte, dass er richtig lag und ich wieder schwanger sei. Hoffentlich kam er nicht auf die Idee mir zu verbieten, mit Marada Kräuter zu sammeln oder gar zu ihr zu gehen und meine Ausbildung zur Heilerin fortzusetzen. Ich seufzte leise darüber und flüsterte meinem Bauch zu: „Daran bist nur du Schuld, kleine Gurke!“

„Wer ist woran Schuld, Liuba mina?“ lässig ließ sich besagter Semnone neben mir fallen und sah mir mit hochgezogenen Augenbrauen ins Gesicht, nur um sich gleich darauf aufzurichten und besorgt zu fragen: „Sind die Schmerzen sehr schlimm?“

„Warum denkst du das?“ ich hoffte, dass er mich vorhin nicht gehört hatte.

„Weil du weinst!“ leicht nahm er mein Gesicht in seine Hände und wischte mir mit seinen Daumen liebevoll die Tränenspuren ab.

Ich lachte verblüfft und sagte: „Nein, das ist es nicht.“

„Was ist es dann, Emma? Bist du unglücklich?“ forschend huschten seine Augen über meine Mine, als wollte er die Wahrheit daraus lesen.

„Ich bin glücklich und dankbar, weil ich hier bei dir sein kann“, antwortete ich wahrheitsgemäß und hoffte, ihn mit meiner Offenheit zu entspannen.

Egmonts Augen wurden groß wie Wagenräder, dann breitete sich ein breites Lächeln auf seinem Gesicht aus, das mich innerlich schweben ließ. Er stellte schlicht fest: „Dann ist es ja gut!“ und küsste mich zart auf den Mund. Ich bog mich ihm sehnsüchtig entgegen, doch er hatte andere Pläne.

Nachdem er sich mit leuchtenden Augen von mir gelöst hatte, wiederholte er: „Nun, Liuba mina, sagst du mir jetzt wer woran Schuld ist?“

Ich wand mich noch etwas, bevor ich mich traute ihm leise zu sagen: „Unser Ungeborenes ist daran Schuld, dass du ab jetzt an mir kleben wirst, wie eine Glucke an ihrem frischgeschlüpften Küken.“

Egmont stutzte kurz, nur um dann in schallendes Gelächter auszubrechen.

Ich zog schon misstrauisch die Augenbrauen zusammen, weil ich dachte, dass er sich über mich lustig machte, als er erklärte: „Aber Emma, das tue ich doch schon die ganze Zeit und bisher scheint dich das nicht besonders gestört zu haben!“

Jetzt war ich diejenige, der der Mund offen stand. Ich zog es vor nicht darauf zu antworten, obwohl er recht hatte, ohne ihn hätte ich hier vermutlich keine zwei Tage überlebt. Dennoch befürchtete ich, dass sein Beschützerinstinkt stärker werden könnte, wollte das aber nicht so einfach zugeben, um es nicht zu beschreien.

Aber es war nicht Egmonts Art, das unausgesprochen zwischen uns stehen zu lassen. „Nun? War es dir so zuwider?“, bohrte er nach.

„Nein.“ gab ich ergeben zu, weil ich die meiste Zeit sehr froh über seinen Schutz und seine Fürsorge war.

„Was macht dir denn Sorgen, Liuba mina?“

Ich sah auf den Fluss, als ob dieser eine einfache Antwort darauf wüsste. Wie sollte ich ihm erklären, dass ich fürchtete, er könnte Parallelen zwischen mir und seiner ersten Frau Bertrun ziehen, die bei der Geburt ihres zweiten Kindes gestorben war, ohne ihn erst darauf zu bringen. Also beschloss ich ihm stattdessen zu sagen, was ich wollte: „Ich möchte weiter bei Marada lernen und mit ihr Kräuter sammeln gehen.“

„Ja, und?“, hakte er misstrauisch nach.

„Und ich fürchte, dass du versuchen wirst, es mir zu verbieten.“

„Warum sollte ich…“, setzte er an. Dann stutzte er, als wäre ihm soeben ein Licht aufgegangen. „Im Wald?“, verlangte er zu wissen.

„Ja, natürlich im Wald. Dort wachsen schließlich die meisten Kräuter.“

Egmont wog das Für und Wider ab und sagte dann kurz entschlossen: „Gut, ich werde euch begleiten!“

„Aber …“, setzte ich an.

„Wir werden das nicht diskutieren, Emma. Kunella und Eduard sind da draußen und könnten auf die Idee kommen, dir etwas anzutun!“ erwiderte er heftig. „Mal wieder!“ fügte er mit sorgenvoll gekrauster Stirn hinzu.

„In Ordnung.“ gab ich mich geschlagen und sah zu Boden.

Egmont legte mir liebevoll die Hand unter mein Kinn und hob es an, sodass ich ihm ins Gesicht sehen musste. „Liuba, du musst doch wissen, dass ich ohne dich nicht leben kann.“

Ich nickte gerührt.

„Bitte versprich mir, dass du das Dorf nicht allein verlässt.“
„Ich verspreche es“, gab ich nach, weil ich wusste, dass er ohnehin keine Ruhe geben würde, bevor ich es versprochen hatte.

„Danke“, sagte Egmont und küsste mich anschließend eindringlich, als wollte er mich seiner Liebe auf diese Weise versichern.

Wir hörten erst auf als die Kinder neben uns kicherten und jemand sagte: „Tststs, schämt euch!“