Semnonenhain 6

6.

In dieser Nacht kam ich nicht zur Ruhe. Ich durchlebte die Verfolgung durch Peter im Traum und wälzte mich hin und her. Als er mir den Revolver an den Kopf hielt schreckte ich hoch. Ich brauchte ein paar Minuten bis ich mich so weit im Griff hatte, dass ich mich wieder hinlegen konnte. Ich weiß nicht wie lange ich in die Glut starrte. Irgendwann schlief ich Traumlos weiter.

Am Morgen schliefen Gwendolin und Landogar eng an mich gekuschelt. Sie mussten in der Nacht auf mein Lager gewechselt sein.

Nach dem Aufstehen wollte ich mich gern waschen, baden, einfach irgend etwas unternehmen, um mir den Schmutz und die Ereignisse der letzten Tage abzuspülen und zur Normalität zurückzukehren. Ich fragte Egmont danach. Daraufhin ging er mit mir auf die östliche Seite des Dorfes und zeigte auf den Fluss. „Dort kannst du baden.“

Ich erinnerte mich daran, dass die Germanen durchaus mit warmem Wasser in einem Badezuber badeten. Aber ich war viel zu stolz, ihn darauf anzusprechen. Dann eben der Fluss. Wenigstens hatte ich meine Lavendelhaarwäsche im Rucksack. Die Kälte könnte ich sicher ausblenden, wenn ich nur wütend genug war. Ich bat ihn um ein Leinentuch und da ich ihn damit überrumpelte reichte er mir eins, ohne weitere Gemeinheiten. Dann nahm ich das Shampoo und Wechselsachen aus meinem Rucksack und stolzierte zum Fluss. Dort zog ich mich bis auf die Tunika und meine Unterwäsche aus und legte alles am Ufer ab.

Der Fluss war so kalt, dass ich im ersten Moment zurückzuckte. Doch Egmonts darauf folgendes Lachen brachte mein Blut dermaßen zum Kochen, dass ich schnurstracks hinein lief. Als ich ganz drin war zog ich meine Sachen aus und wickelte meine Unterwäsche in die Tunika. Die wollte ich hier lieber nicht vorzeigen. Das nasse Bündel warf ich ans Ufer. Dann tauchte ich schnell mit meinem Kopf unter, schäumte meine Haare ein und wusch mich. Dann tauchte ich erneut um die Seife auszuspülen. Die ganze Zeit hatte ich demonstrativ auf das andere Ufer gestarrt um Egmonts Häme nicht zu sehen. Als ich mich zurückdrehte, bekam ich gelinde gesagt einen kleinen Schock. Scheinbar hatte sich das ganze Dorf versammelt um mir beim Baden zuzusehen. Zumindest die Männer waren vollzählig. Sie sahen auch nicht so aus, als würden sie demnächst etwas anderes zu tun haben. Meine Lippen waren schon blau und ich hatte am ganzen Körper Gänsehaut mir blieb daher gar nichts anderes übrig. Ich musste aus dem Wasser kommen. Ich straffte meine Schultern und schritt hocherhobenen Hauptes, so langsam wie ich es fertig brachte, aus dem Wasser ohne irgendwen anzusehen. Dann nahm ich mein Tuch auf und erst als ich mich darin eingewickelt hatte, sah ich Egmont mit einer hochgezogenen Augenbraue an. Er hatte wenigstens den Anstand beschämt seinen Blick abzuwenden. Die anderen Krieger feixten. Aber ich konnte mich nicht wirklich darüber freuen. Ich klaubte meine Sachen zusammen und ging nass wie ich war zu seinem Haus, um mich ohne Publikum anzukleiden. Den Rest des Tages verschanzte ich mich im Haus. Erst zum Abendessen ließ ich mich blicken. Aber Egmont würdigte ich keines Blickes. Das Fleisch auf meinem Teller rührte ich einfach nicht an, um ihn nicht nach dem Messer fragen zu müssen.

Als die Frauen und Kinder aufbrachen stand ich mit ihnen auf und Egmont war weise genug einfach mitzukommen. Kunella wusch die Kinder und legte sie ins Bett. Ich schlief bevor sie damit fertig war.

Morgens lagen die Beiden wieder bei mir. Ihre Anhänglichkeit berührte mich. Sie mussten ihre Mutter schmerzlich vermissen. Ich schöpfte Trost daraus und fühlte mich weniger einsam.

Den Haushalt versorgte Kunella. Daher hatte ich nicht viel zu tun. Ich streifte im Dorf umher. Doch wohin auch immer ich ging Egmont schien schon dort zu sein. Oder er saß stundenlang unter der großen Linde und beobachtete mich ganz offen.

Ab dem dritten Tag begleiteten mich Gwendolin und Landogar auf meinen Spaziergängen. Sie stellten mich den Mitgliedern ihrer Sippe vor und erzählten mir, dass Albin der Schmied sei und seine Frau Salgardis die Schwester von ihrem Vater wäre. Außerdem meinten sie, wenn ich etwas über meine Zukunft wissen wollte, müsste ich nur Marada fragen. Wir sahen uns Grubenhäuser an in denen Käse und Bier gemacht und das Essen gelagert wurde. Zwischendurch spielten und tobten wir miteinander. Ich hatte mich schon lange nicht mehr so frei und glücklich gefühlt, wie in den Tagen mit Gwendolin und Landogar. Da ich wusste, dass sie mich nicht verurteilten, wenn ich Fehler machte, ich lernte sogar ihre Sprache zu sprechen. Mit ihrer unschuldigen Zuneigung eroberten sie mein Herz im Sturm, wie nur Kinder es vermochten.

Ich spielte mit ihnen, was ich als Kind gespielt hatte. Einmal trugen wir einen bunten Blätterhaufen zusammen und raschelten durch ihn hindurch.

Selbst im Fluss musste ich nicht mehr baden. Ab jetzt ließ Egmont mir einen Zuber mit Wasser füllen, wann immer ich danach fragte.

Eines Abends bat Marada mich sie am folgenden Vormittag in Bernhards Haus zu besuchen. Ich sagte ihr gern zu. Sie war immer gütig und freundlich und ich achtete sie dafür. Ich fragte mich, was sie wohl von mir wollte.

Am folgenden Tag war ich sehr früh wach. Ich zog mir mein Kleid über und ging noch vor dem Frühmahl zu ihr. Sie erwartete mich bereits. Als ich eintrat, saß Marada an einem Tisch und hatte eine Schale mit Kräutern, eine Kerze und Runenstäbe vor sich zu liegen. Sie bat mich, neben ihr Platz zu nehmen. Sie zündete Salbeiblätter an der Kerze an. Anschließend sprach sie ein Gebet zu Nerthus und bat um Führung und Schutz. Ich wusste, dass sie mir meine Zukunft zeigen wollte, aber ich fragte mich die ganze Zeit, ob es nicht besser war, die Zeit zu genießen, die ich hier hatte und nicht zu sehr danach zu forschen.

Bald darauf steckte Marada die Stäbe in einen braunen Wollbeutel. Sie ließ mich nacheinander drei Stäbe ziehen. Sie waren aus Buchenholz und von der Zeit glattpoliert. Auf jedem Stab befand sich eine anderes eingeritztes und mit rot nachgemaltes Zeichen. Ich nahm an, dass es Runen waren.

Marada sagte: „Die Runen raunen uns Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.“ Dabei zeigte sie in der Reihenfolge in der ich die Stäbe gezogen hatte darauf.

In deiner Vergangenheit liegt Gebo, in deiner Gegenwart liegt Berkana und in deiner Zukunft liegt Kenaz.“

Ich verstand nichts, aber ich wartete einfach auf eine Erklärung. Die kam nicht, stattdessen fragte Marada: „Du kennst dich nicht mit Runendeutung aus?“

Nein.“

Du sprichst ja unsere Sprache.“ Marada schien erstaunt.

Gwendolin und Landogar haben mich unterwiesen.“ erklärte ich. Ich fühlte mich unsicherer als in Altlatein, weil große Teile der germanischen Sprachen in meiner Zeit bereits verloren waren und nur als Konstrukt existierten. Ich hatte Gotisch inzwischen sicher ausschließen können, aber das war auch alles.

Marada betrachtete mich eine Weile, dann sah sie nochmal vor sich auf die Runen. Sie überlegte lange und rang sich schließlich durch mich zu fragen: „Möchtest du Teil dieser Sippe werden?“

Damit überrumpelte sie mich. Ich war nicht sicher, dass ich ganz verstand, worauf sie hinaus wollte. „Du meinst ob ich bei euch bleiben möchte?“

Ja, das auch.“

Ich wog für und wider ab. Auf der Pro-Seite waren auf jeden Fall Gwendolin, Landogar und Marada, ich mochte sie sehr. Außerdem wusste ich ohnehin nicht, wohin ich sonst gehen sollte. Auf der Contra-Seite standen vor allem Kunella und natürlich Egmont. Er wäre sicher nicht erfreut, wenn ich blieb. Er schien den aufgezwungenen Babysitterjob zu verabscheuen. Wann immer er mich ansah, lag Unmut in seinem Blick.

Marada wartete geduldig, bis ich mich entschied. Schließlich überwogen die Pros: „Ja, ich möchte gern bleiben.“

Gut, ich werde das mit den anderen besprechen.“

Danke Marada.“ Ich erhob mich.

Gern Emma.“ Sie lächelte verschmitzt, bevor sie anfügte: „Ach, bevor ich es vergesse, ich glaube Egmonts Laune würde sich maßgeblich verbessern, wenn er mal wieder mit zur Jagd reiten dürfte.“

Sie verabschiedete mich und ich war so verblüfft über ihre Eröffnung, dass mir erst wieder in den Sinn kam, dass ich sie nicht nach der Bedeutung der Runen gefragt hatte, als ich schon in der kühlen Morgenluft stand.

Ich verwarf die Idee umzukehren und sie zu fragen, als zu unhöflich und ging auf Egmonts Haus zu. Die Sonne ging gerade auf. Ich wandte mich nach rechts und schloss meine Augen, um ihre warme Liebkosung zu genießen. Es versprach ein schöner Tag zu werden. Tief saugte ich die klare Morgenluft in meine Lunge und beschloss großmütig zu sein und Egmont anzubieten, dass er zur Jagd gehen konnte. Ich öffnete meine Augen, um meinen Entschluss umzusetzen und entdeckte ihn. Er lehnte an der großen Linde und beobachtete mich. Ich grinste darüber, dass ich nicht mal zu nachtschlafender Zeit unbemerkt entkommen war. Nun gut, dann musste ich ihn jedenfalls nicht wecken. Ich ging direkt auf ihn zu. Meine gute Laune schien ihn zu verwirren. Er sah so aus, als hätte ich vor ihn gleich zu überrumpeln. Seine Hand schloss sich fest um das Heft seines Schwertes.

Haili Egmont.“ grüßte ich ihn schmunzelnd.

Haili Emma.“ Seine Stimme war belegt.

Er tat mir leid, weil er wegen mir so früh hatte aufstehen müssen. Aber nicht leid genug um ihn nicht etwas zu necken: „Hast du nicht ausgeschlafen?“ fragte ich unschuldig.

Er brummte nur irgendetwas von Pflichten.

Ich musste mir ein Lachen verkneifen, er sah einfach so herrlich trotzig aus.

Egmont, ich habe über etwas nachgedacht.“

Er antwortete nicht. Aber er war so angespannt, dass er nicht einmal mitbekam, dass ich seine Sprache sprach.

Wie wäre es, wenn du heute zur Jagd gehst?“

Du weißt, dass das nicht geht.“ antwortete er verstimmt.

Ich verspreche mich zu benehmen.“ sagte ich leutselig.

Er zog die Augenbrauen hoch.

Außerdem kannst du mich bei einer Person deiner Wahl abliefern. Ich verspreche dort zu bleiben, bis du wieder da bist.“

Eine steile Falte erschien auf seiner Stirn. Er schien es ernsthaft in Erwägung zu ziehen.

Ich wartete, so ruhig wie möglich auf seine Entscheidung, was nicht ganz einfach war unter seinem prüfenden Blick. Nun gut, dann musste ich eben ein bisschen dicker auftragen. Ich sah zu Boden und sagte: „Es tut mir wirklich leid, dass ich weggelaufen bin.“ Ich trat einen Schritt auf ihn zu und stand damit nur noch dreißig Zentimeter von ihm entfernt. Sofort stieg mir sein Tannennadelduft in die Nase. Dann sah ich mit leicht geneigtem Kopf und großen Augen zu ihm auf. „Bitte vergib mir.“

Ich sah, wie er seinen Widerstand aufgab. Ich schämte mich dafür ihn zu manipulieren, aber ich redete mir ein, dass es nur zu seinem Besten sei. Das zarte Flüstern in meinem Kopf, dass mir mitteilte, dass ich es auch für mich tat, ignorierte ich geflissentlich.

Nun gut, ich werde Eduard fragen ob er mich begleitet, wenn du dafür bei seiner Frau bleibst.“

Ich musste einen Moment nachdenken, ob ich wusste wer Eduards Frau war. Da fiel mir wieder ein, dass sie Merlinde hieß. Sie war mit ihrem ersten Kind schwanger. Nun gut, soweit ich wusste, war Merlinde mir wohlgesonnen. Das könnte also ein netter Tag werden.

Gut.“

Besser du gehst zu unserem Haus, die Kinder suchen dich schon.“

Ich blinzelte ihn verwirrt an. Ich hatte mich bestimmt verhört. Hatte er unser Haus gesagt?

Als ich mich nicht rührte, zeigte er mit seinem Arm in Richtung besagten Hauses. Ich sah was er meinte. Gwendolin und Landogar standen mit zerzausten Haaren und nur mit ihrer Tunika bekleidet auf der Schwelle. Sie starrten Egmont und mich mit offenen Mündern an.

Ich gehe besser, nicht dass sie noch krank werden.“

Sag so etwas nicht.“

Was soll ich nicht sagen?“

Dass sie krank werden könnten.“

Ich verstehe nicht.“

Jemand könnte denken, dass du einen Schadzauber aussprichst.“ das schien ihn zu besorgen.

Oh.“ Er hatte recht, negative Vorhersagen, waren eine gefährliche Sache. „Ich gehe sie besser anziehen.“

Ja.“