Semnonenhain 4

4.

Im Zentrum der Halle wurde ein Wildschwein über dem Feuer geröstet. Darum herum standen viele flache Tische. So wie es sie im Orient noch in meiner Zeit gab. Sie waren in einem beinahe vollständigen Rechteck aneinander geschoben, um das Feuer aufgestellt, nur zur Tür hin fehlten zwei. Die Lücke diente als Durchgang. Vor jedem Tisch saß eine Person. Sie waren in fröhliche Gespräche vertieft. Ich versuchte sie zu zählen. Es waren etwa fünfzig Menschen. Die Frauen trugen eine Bluse und einen bodenlangen, schmal geschnittenen Rock. Er wurde von einem Band in der Taille gehalten. Die Männer waren ähnlich gekleidet, wie Egmont. Mein Blick schweifte auf der Suche nach ihm umher. Er saß an einem Tisch links von mir und starrte mich an. Beschämt senkte ich meinen Kopf.

Komm Kind. Ich werde dich vorstellen.“ Marada berührte mich leicht am linken Ärmel, als sie das sagte.

Ich nickte nur. Ich hatte verstanden und folgte ihr, als sie in weichen Bewegungen nach links ging, direkt zu Egmonts Tisch. Unbehaglich sah ich auf Maradas zierlichen Rücken. Um mich herum war es schlagartig still geworden. Gwendolin verstärkte ihren Griff um meine Hand. Ich lächelte sie scheu an. Sie strahlte.

Marada bog um die Tische und lief nun an der schmalen Kante bis zur Mitte der Tafel. Dort erhoben sich eine Frau und ein Mann. Marada sagte leise etwas zu ihnen, das ich nicht verstehen konnte. Was immer es war, es brachte die beiden dazu mich interessiert zu mustern. Der Mann sagte: „Nun, so sei es. Stelle du sie vor, Mutter.“

Ich war inzwischen an Egmonts Tisch angelangt. Der Mann hatte einen Vollbart und auch er hatte seine Haare zusammengebunden. Doch waren sie zu einem Knoten auf dem Kopf aufgetürmt. Er war etwas größer als ich und deutlich fülliger als Egmont. Doch die Augenfarbe hatte Egmont von ihm geerbt. Blau strahlten sie mir entgegen, als er sagte: „Haili, Kind. Willkommen.“

Ich neigte leicht meinen Kopf zur Begrüßung.

Ich bin Bernhard und das ist meine Frau Almudis.“ stellte er sich und die Dame neben sich vor. Almudis trug das gleiche Kleid wie ich, nur war ihres rot. Gut, dachte ich, rot kannten sie also.

Ich bin Emma.“ sagte ich seine Formel wiederholend.

Willkommen Emma.“ Almudis Stimme war weich, wie Honig und auch sie lächelte mich an. Ich fragte mich erstaunt, was Marada zu ihnen gesagt hatte. Ich neigte wieder meinen Kopf zum Dank und blickte mich nach Marada um, doch sie wandte sich schon an die Versammelten. „Haili.“

Haili Marada.“ ertönte es aus allen Richtungen.

Sie wartete kurz. Dann fuhr sie fort: „Das ist Emma. Sie ist Nerthus‘ Antwort auf Egmonts Gebete.“ Die Versammelten steckten bei dieser Eröffnung ihre Köpfe zusammen und tuschelten. Eine junge Frau erhob sich hastig, stampfte wütend mit dem Fuß auf und verließ eilig die Halle. Hinter sich knallte sie die Tür zu. Ein kleiner Junge sah ihr traurig nach. Gwendolin löste ihre Hand aus meiner und rannte zu dem Jungen. Am liebsten wäre ich ihr gefolgt. Doch Marada war noch nicht fertig. „Sie wird Egmonts neue Frau.“ Ich bemühte mich eine ausdruckslose Mine aufzusetzen. Aber ich fürchte, dass man mir ansah, wie sehr mich das überraschte. Ich wollte gerade den Mund aufmachen, als Marada mir einen warnenden Blick zuwarf und kaum merklich mit dem Kopf schüttelte. Das Blut wich aus meinem Gesicht. Ich musste weiß wie die Wand sein. Jemand nahm mich am Ellenbogen. „Nicht umdrehen, geht es?“ flüsterte Egmont mir besorgt zu. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass er aufgestanden war. Ich blinzelte ein paar mal hektisch, dann machte ich schwach ein bejahendes Geräusch. Derweil brach um uns herum Jubel aus. Bernhard nahm seinen Silberbecher in die Hand. Alle erhoben sich und taten es ihm gleich. Dann dröhnte Bernhards tiefer Bass durch den Raum: „Wir weihen diesen Met den Asen und Vanen, der heiligen Mutter Erde und unseren Ahnen und denen die da kommen werden. Auf Emma und Egmont. Heia.“

Alle erhoben ihre Becher, riefen: „Heia!“ und und tranken aus ihren Bechern. Als sie sich wieder setzten führte Egmont mich zu dem Platz rechts neben sich. Ich ließ mich nieder. Er wartete bis ich saß, dann setzte er sich. Wandte sich aber zur anderen Seite und knurrte Marada, deren Tisch sich links von seinem befand zu: „Wir müssen reden.“

Sie sagte schlicht: „Und das werden wir, aber nicht jetzt.“

Ich war noch immer betäubt von dem Schlag den mir die freundliche ältere Frau mit ihrer Ansprache versetzt hatte. Ich wollte nicht heiraten. Nicht mit zweiundzwanzig und ganz sicher nicht einen Wildfremden. Zumal ein Mann, den ich dachte zu kennen, gerade versucht hatte mich zu töten. Wie lange das wohl her war. Ich hatte keine Ahnung, wie lange es gedauert hatte, bis ich aufwachte.

Iss.“ forderte Egmont mich auf und schob mir einen Teller mit Brot, Rüben und Fleisch hin. Ich schüttelte nur müde meinen Kopf ohne ihn anzusehen. Ich konnte meinem Magen im Moment unmöglich Nahrung zumuten. Mir war gelinde gesagt speiübel. Wie war ich nur hierher geraten? Würde ich je wieder nach Hause kommen? Nicht, dass ich große Sehnsucht nach den Menschen dort hätte. Allen voran Peter, hatten sie mir das Leben deutlich vergällt. Auch meinen Eltern hatte ich nichts recht machen können. Meine Studienwahl fanden sie völlig indiskutabel. ‚Was willst du studieren, Indogermanistik?‘ ‚Ja, und germanische Geschichte.“ hatte ich geantwortet. Da hatte er seine linke Augenbraue abschätzig hochgezogen und meinte nur: ‚Wie kann man denn damit Geld verdienen?‘ Ich rollte wieder mit meinen Augen, als ich daran dachte. Klar es drehte sich immer nur um Geld. Von Gottvertrauen hatten sie nicht viel gehalten. Als ich mich im Raum umsah, war ich plötzlich sehr erleichtert, dass ich mich an dieser Stelle durchgesetzt hatte. Zugegeben hatte ich das hier nicht ansatzweise ahnen können. Trotzdem war ich jetzt froh, hierzu sein. Ich beschloss so viel wie möglich zu lernen und falls ich eines Tages in meine Welt zurück käme, würde ich das Gelernte weitergeben. Wie sich das wohl auf meinem Lebenslauf machte. Praktikum bei den Germanen vom Jahr sowieso bis sowieso. Ich fragte mich welches Jahr wir gerade hatten. Ob ich Egmont danach fragen konnte? Ich blickte auf und stellte fest, dass er mich missbilligend ansah. Ich sah weg. Nun ja, ich war ohnehin nicht so weit, solche Fragen auf germanisch zu formulieren. Schon gar nicht vor anderen.

Wenn du dein Essen verschmähst, möchtest du dann wenigstens etwas trinken?“ fragte er mich. Er klang wütend. Ich wusste nur nicht was ich getan hatte. Ich sah ihn fragend an. Er zeigte auf den Becher, der vor mir stand. Ich streckte meine Hand danach aus und zog ihn zu mir heran. Ich schnupperte vorsichtig. Das roch eindeutig vergoren. Vermutlich war es Bier. Erleichtert trank ich einen Schluck. Ich hatte gelernt, dass die Germanen in das Wasser-Honig-Gemisch spuckten um Met herzustellen. Das hatte irgendwas damit zu tun, dass die Enzyme im Speichel bei der Umwandlung als Katalysator fungierten. Ich schüttelte mich.

Schmeckt es dir nicht?“ fragte Egmont.

Ich fuhr zusammen und sah ihn wieder an. Er durchbohrte mich mit seinem Blick, als ob er so eine Antwort bekommen würde. Ich musste besser auf meine Gedanken achten. Meine Oma hat mich stets liebevoll damit aufgezogen, dass man mir jeden einzelnen vom Gesicht ablesen konnte. Sie vermisste ich. Sie und meinen Opa. Aber das tat ich auch schon in meiner Zeit. Sie waren schon vor einigen Jahren gestorben. Ich seufzte sehnsüchtig und trank noch einen Schluck. Das Bier schmeckte erstaunlich süß und nach Kräutern. Ob sie Honig hinein gemischt hatten? Ich sah Egmont an. Er wartete auf irgendetwas. Er hatte mich etwas gefragt. Was war das noch, ob es mir schmeckt.

Ich nickte. „Schmeckt.“ wiederholte ich ihn.

Iss etwas, die Nacht ist lang.“

Ich sah wieder auf den Teller vor mir. Mein Magen hatte sich etwas beruhigt. Ich brach ein Stück Brot ab und schob es mir in den Mund. Es schmeckte wie frisches Roggenbrot. Das war gut. Mein Magen war scheinbar auch einverstanden, daher schluckte ich es hinunter. Dann wollte ich ein Stück Fleisch probieren. Ich sah mich auf dem Tisch um. Es gab kein Messer. Ratlos sah ich Egmont zu. Er beobachtete mich nach wie vor. Ich machte eine Schnittbewegung über meinem Fleisch und sah ihn fragend an.

Egmont verstand sofort: „Besitzt du kein Messer?“

Ich schüttelte den Kopf und wurde rot wegen der Lüge. Genau genommen besaß ich ein Schweizer Taschenmesser, aber das würde ich hier lieber nicht zeigen. Es lag zuunterst in meinem Rucksack.

Egmont hielt mir sein Messer hin. Es hatte einen Horngriff und eine polierte Eisenklinge. Zum Essen war es eigentlich viel zu groß. Ich starrte es einem Moment an, nahm es dann entgegen und bemühte mich mein Fleisch damit zu teilen. Drei effektive Schnitte in die eine Richtung und drei senkrecht dazu. Dann gab ich ihm das Messer mit dem Griff voran zurück. Er starrte mich aus schmalen Augen an, als würde er sich besorgt fragen, ob ich gefährlich war. Ich zwang mich ihn beruhigend anzulächeln. Er wandte sich schnell ab. Ich hatte keine Idee, was das zu bedeuten hatte. Mal war er freundlich, mal abweisend. Natürlich nahm ich mir das zu Herzen. Ich würde wieder die ganze Nacht wach liegen und mich fragen, was dieser oder jener Blick zu bedeuten hatte. Ich seufzte ergeben und aß meinen Teller langsam leer. Inzwischen war alles kalt. Es schmeckte trotzdem noch gut. Auch die Rüben passten zum Fleisch, welches sie mit Rosmarin verfeinert hatten. Je später es wurde um so ausgelassener wurden die Männer. Marada kam zu mir und berührte mich an der Schulter. Ich wandte mich zu ihr.

Komm, Kind wir ziehen uns zurück. Ich sah, dass auch Almudis und die anderen Frauen sich erhoben hatten. Gwendolin kam zu mir gelaufen. Den kleinen Jungen zog sie hinter sich her. Bei mir angekommen sagte sie fröhlich: „Das ist Landogar, mein Bruder.“ Er versteckte sich halb hinter Gwendolin und nuckelte an seinem Daumen. Da er deutlich kleiner war als seine Schwester, schätzte ich ihn auf etwa drei Jahre. Er hatte das gleiche hellblonde Haar wie sie und sah mich ehrfürchtig aus großen hellblauen Augen an. Ich hockte mich hin. Dann reichte ich ihm meine linke Hand. „Haili Landogar.“ sagte ich freundlich.

Da er einen Moment zögerte, meinte Gwendolin: „Sie ist gut. Du kannst ihr ruhig deine Hand geben.“

Ich sah Gwendolin verwundert an. Sie kannte mich doch kaum, woher wollte sie das wissen?

Da schob sich eine kleine klebrige Kinderhand in meine. Landogar war offenbar zu dem Schluss gekommen, dass er es versuchen wollte. Ich freute mich sehr darüber. Ich mochte Kinder. Sie waren immer ehrlich und taktierten nicht. Wenn sie dich mochten, zeigten sie es dir genauso unverblümt, wie ihr Missfallen.

Ich erhob mich wieder und hielt Gwendolin meine andere Hand hin, die sie sofort ergriff. Ich sah zu Marada, um ihr zu folgen, aber sie blickte gerade zu Egmont zurück. Ich folgte ihrem Blick und zuckte zusammen. Er starrte mich wütend an. Ich schnappte nach Luft. Marada meinte jedoch ungerührt: „Komm, Emma. Lass uns zurück gehen.“

Die Nacht war sternenklar und es lag kühler Winterduft in der Luft. Ich fröstelte. Als wir wieder in das Haus von Egmont kamen, war das Feuer schon heruntergebrannt. Marada holte einige Holzscheite aus einer Kiepe und legte sie nach. Dann wuschen wir den Kindern Hände und Gesicht, kämmten ihre Haare aus und legten sie auf das Lager ganz links. Ich hörte erstaunt, dass jetzt auch Tiere im angrenzenden Raum standen. Sie verhielten sich jedoch ruhig und scharrten nur hin und wieder mit ihren Hufen.

Ich flocht meine Haare und Marada reichte mir ein blaues Haarband, mit dem ich den Zopf zuknotete. Ich musste dringend mal, hatte aber keine Ahnung wo man hier zur Toilette ging, oder ob ihnen Latrinen bereits bekannt waren.

Marada besah sich meine Zappelei und nannte mir die Lösung: „Hinter dem Haus etwas abseits findest du eine Latrine.“ Vielsagend hielt sie mir Blätter hin.

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Ich nahm mein Cape vom Lager, griff mir die Blätter und verschwand erleichtert in die kühle Dunkelheit.