Semnonenhain 3

3.

Marada sah mir meine Besorgnis an und beschwichtigte mich: „Mach Dir keine Sorgen. Er ist nur etwas aufgebracht. Der Ratsschluss der Göttin scheint anders ausgefallen zu sein, als er erwartet hatte.“

Ich hatte keinen Schimmer, worüber sie da redete. Doch Marada hatte anscheinend nicht vor es weiter auszuführen. Sie seufzte einmal und sah anschließend an mir hinunter. „Hast Du ein Kleid?“

Ich schüttelte bedauernd meinen Kopf.

Wohl an. So werde ich dir eines borgen müssen.“ Sie sah das Mädchen an. „Gwendolin, bitte geh zu Almudis und lass dir mein dunkelblaues Kleid und zwei silberne Fibeln aus meiner Truhe geben. Kannst du das tun?“

Ja, Awon .“ Gwendolin nickte ernsthaft. Dann flitzte sie aus dem Haus.

Marada betrachtete mich nachdenklich. Sie legte ihren grauhaarigen Kopf schief. Dann kam sie zu einem Schluss. „Kannst du verstehen, was ich sage?“ ihre faltigen Augen warteten auf ein Zeichen. Ich überlegte wie ich ihr antworten sollte. Da kam sie mir zuvor. „Lass es uns doch so halten. Nicke für ‚Ja‘ und schüttle dein Haupt für nein.“

Ich nickte zum Zeichen, dass ich verstanden hatte.

Gut.“ sagte sie zufrieden. „Also, kannst du verstehen, was ich sage?“

Ich nickte.

Aber du sprichst unsere Sprache nicht?“

Ich nickte wieder.

Kommst du von weit her?“

Was sollte ich darauf sagen? Zeitlich auf jeden Fall. Aber es konnte sein, dass wir bei meinem Haus um die Ecke waren. Ich entschloss mich trotzdem zu nicken. Dann würde ich später nicht so viel erklären müssen.

Marada überlegte eine Weile bevor sie die nächste Frage stellte: „Sprichst du Latein?“

Sie wirkte sehr zaghaft. Als würde sie sich darum Sorgen machen. Ich sprach Latein. Aber konnte ich das sagen ohne in Gefahr zu geraten? Ich überlegte. Ich wollte Marada nicht anlügen. Also zeigte ich hielt ich meine Hand hoch und führte Daumen und Zeigefinger eng zusammen.

Zunächst sah sie mich ratlos an. Aber dann schien ihr zu dämmern was ich meinte. Du sprichst nur ein wenig Latein?“

Ich nickte wieder.

Bist du eine Keltin?“

Ich schüttelte den Kopf.

Wenn ich nur wüsste woher du kommst.“ sie betrachtete mich noch immer nachdenklich, als Gwendolin hereingeflitzt kam. Sie hatte einen großen Korb dabei, den stellte sie vor Marada ab. Ihr Gesicht glühte vor Eifer.

Danke, Gwendolin.“ Marada bedachte sie mit liebevollem Lächeln. „Du kannst jetzt spielen gehen.“

Gwendolin lief in eine Ecke und holte ihre Murmel wieder heraus. Innerhalb einer Sekunde, war sie völlig in ihr Spiel versunken. Mein Herz wurde weich bei ihrem Anblick.

Marada riss mich aus meiner Träumerei: „Komm, wir müssen dich vor dem Essen in der Halle umkleiden.“ Sie beugte sich über den Korb und zog einen langen dunkelblauen Wollschlauch daraus hervor.

Leg deine Hose ab.“

Ich schüttelte den Kopf. Ich hasste es keine Hosen zu tragen. Marada überlegte, wie sie damit umgehen sollte und meinte seufzend: „ Vielleicht ist das Kleid lang genug. Sie raffte den Schlauch zusammen. „Strecke deine Arme über den Kopf und beuge dich nach vorn. Du bist ziemlich groß.“

Ich war bestimmt fünfzehn Zentimeter größer als sie. Aber ich hatte gedacht, dass das daran lag, weil sie schon alt war. Ich tat jedenfalls wie mir geheißen und sie schob den Schlauch über mich. Dann schlug sie das obere Ende dreißig Zentimeter um.

Halte das doch bitte fest.“ forderte Marada mich auf.

Während ich das Kleid am oberen Rand hielt, holte sie zwei silberne Fibeln aus dem Korb. Wieder bei mir angelangt zog sie den Stoff in der Mitte über meiner linken Schulter zusammen und befestigte eine Fibel darin. Das Gleiche wiederholte sie auf der anderen Seite. Dann trat sie einen Schritt zurück und begutachtete mich. Ich wand mich nervös unter ihrem aufmerksamen Blick. Doch Marada nickte zustimmend und sagte nur: „Jetzt deine Haare.“

Sie ging zu einer Kiste und holte einen hellgelben Hornkamm heraus.

Setz dich auf das Lager.“

Nachdem ich dort Platz genommen hatte, nahm Marada meinen geflochtenen Zopf in die Hand. Zu spät fiel mir ein, dass ich einen Haargummi darin hatte. Ich blickte über meine Schulter und fing Maradas erstaunten Blick auf. Dann hielt sie mir den Haargummi hin. Als ich ihn entgegen nahm, sagte sie: „Den steckst du besser gut weg.“ Dabei sah sie bedeutungsvoll auf das knisternde Feuer.

Ich stand hastig auf und warf ihn hinein. Ich hätte ihn lieber behalten, aber mir war bewusst, dass meine Sicherheit davon abhing, ob ich mich unauffällig eingliederte. Auch in dieser Zeit kannten sie Schadenszauber und eines solchen verdächtigt zu werden, weil man einen Haargummi besaß, war er nicht wert. Anders sah es mit den Sachen aus, die ich in meinem Rucksack hatte. Unwillkürlich sah ich in die Richtung, wo er an der Wand lehnte.

Marada räusperte sich und zeigte auf das Lager. Ich setzte mich. Sie kämmte mein Haar aus. Es fiel mir in großen goldenen Wellen über den Rücken und endete unterhalb meiner Hüften.

Marada trat einen Schritt zurück. Sie schien über etwas nachzudenken. Schließlich fragte sie mich: „Bist du verheiratet?“

Ich schüttelte entsetzt den Kopf. Mit zweiundzwanzig, fand ich mich noch viel zu jung um zu heiraten. Zumindest in meiner Zeit, war das eher die Ausnahme.

Dann lassen wir dein Haar offen.“

Danke, Marada.“ Ich lächelte. Sie schien einen Moment überrascht meine Stimme zu hören. Aber sie schien zu verstehen.

Ich habe dich noch gar nicht gefragt wie dein Name lautet. Wie heißt du, mein Kind?“

Ich erhob mich und sagte: „Emma.“

Welch schöner Name.“ Marada blickte wieder an mir hinunter. „Ein schöner Name für eine schöne junge Frau.“

Ihre Worte trieben mir das Blut in den Kopf. Mit Komplimenten konnte ich nicht gut umgehen. Ich hatte noch nicht viele zu hören bekommen in meinem Leben und die wenigen, die ich hörte habe ich nicht geglaubt. Vielleicht, weil sie zu selten waren. Traurig sah ich auf mein bisheriges Leben. Es war eine Katastrophe. Vielleicht konnte ich hier neu beginnen. Ich hob den Blick und bemerkte, dass Marada mich aufmerksam musterte.

Dann ging sie zur Tür, zeigte auf eine polierte Kupferplatte und sagte weich: „Komm, sieh selbst.“

Ich ging langsam auf sie zu und betrachtete mich in dem polierten Metall. Das Feuer und die Platte ließen mein Gesicht golden leuchten. Alles harte trat in den Schatten und übrig blieb ein klares Gesicht mit großen dunkelgrauen Augen, einer schmalen geraden Nase und einem weichen himbeerfarbenen Mund. Meine Haare flossen mir wie Seide über die Schultern und betonten meinen zarten Hals und da geschah es. Zum ersten mal in meinem Leben fand ich mich schön. Meine Augen begannen zu leuchten. Erstaunt sah ich zu Marada.

Sie wiederholte leise: „Ein schöner Name für eine schöne junge Frau.“

Bist du eine Elfe?“ ertönte eine ehrfürchtige Stimme hinter mir.

Nein, Gwendolin.“ antwortete Marada für mich.

Kommt ihr beiden. Es ist Zeit für das Abendmahl.“ kaum hatte Marada das gesagt knurrte mein Magen zustimmend. Ich trat hinter Marada aus dem Haus. Die Sonne war inzwischen untergegangen. Daher konnte ich nicht sehen, wie es um mich herum aussah. Ich erkannte nur Schemen von anderen Gebäuden. Gwendolin schloss hinter mir die Tür. Dann glitt ihre kleine Hand vertrauensvoll in meine. Ich lächelte sie an und sie erwiderte meine Freude. Marada bog nach rechts ab. Wir folgten ihr. Ich roch bratendes Fleisch und frischgebackenes Brot. Dann hörte ich den Lärm, der aus dem größten Haus kam. Mir wurde mulmig zumute. Ich zögerte nervös.

Du musst keine Angst haben. Sie tun dir bestimmt nichts.“ flüsterte Gwendolin neben mir.

Ich nickte nur bestätigend. Dann gingen wir weiter. Sei kein Frosch, ermahnte ich mich. Ich beobachtete Gwendolin aus dem Augenwinkel und war überrascht wie jung sie aussah. Sie konnte höchstens sechs Jahre alt sein. Wahrscheinlich eher fünf, korrigierte ich mich. Und dennoch war sie erstaunlich erwachsen für ihr Alter. Über diese Gedanken waren wir bei der großen Halle angelangt. Marada sah mich an. „Lass mich reden und widersprich nicht, egal was ich sage.“ verlangte sie eindringlich.

Ich nickte stumm.

Dann stieß sie die Tür auf.