Semnonenhain 2

2.

Au.“ ich wimmerte, als meine Schulter hart auf dem Boden auftraf. Um mich drehte sich alles. Ich hörte, dass jemand weich neben mir landete. Warum war ich nicht tot? Jemand sprach mit mir. Ich versuchte mich zu konzentrieren. Doch mein Kopf schmerzte so stark, dass ich nur die weiche Sprachmelodie erfasste. Es war die Stimme eines Mannes. Aber ganz sicher war es nicht Peter. Erleichtert atmete ich aus. Der Mann beugte sich zu mir hinab und drehte mich vorsichtig zu sich herum. Dann sog er scharf die Luft ein. Ich musste furchtbar aussehen. Er verharrte.

Karos?“

Ich hatte keine Ahnung was das heißen sollte. Aber ich hörte, wie seine Stimme in der Frage brach. Gern wollte ich ihn trösten. Ich wollte meine Augen öffnen. Doch es ging nicht. Stattdessen stach es in meinen Schläfen. Ich stöhnte.

Eko furprjan pek hinano.“

Er schob seine Hand langsam in meinen Nacken und hob meinen Kopf an. Dann legte er seinen rechten Arm unter meinen Hals. Seinen anderen Arm schob er unter meine Knie. Er hob mich ein Stück hoch und ging gebeugt mit kleinen Schritten rückwärts. Er hielt wieder an, legte mich ab. Ich hörte etwas zu Boden gleiten. Erhob es auf. Etwas warmes berührte mich weich an der Stirn. Dann schnaubte ein Pferd leise.

Ja, sie ist verletzt, Donar.“

Er hockte sich neben mich und nahm mich auf seine Arme. Diesmal richtete er sich ganz auf. Meine Wange schmiegte sich an seine Brust. Er roch nach Tannennadeln und Holzfeuer. Dann setzte er sich in Bewegung. Es ging noch höher. Bevor ich wusste was er tat, spürte ich das unwillige Tänzeln eines Pferdes unter mir. Ich begann hektisch zu atmen. Ich hatte eine Heidenangst vor Pferden.

Kwerrjan, me Karos, kwerrjan.“ flüsterte er sanft in mein Haar.

Er schob mich so zwischen seine Schenkel auf das Pferd, dass mein Gesicht an seinem Hals lag. Sein Blut pulsierte ruhig an meiner Stirn. Seinen rechten Arm schlang er schützend um mich. Er beugte sich nach vorn und ergriff etwas mit der Linken. Bestimmt die Zügel, dachte ich gerade, als er schon leise mit der Zunge schnalzte und das Pferd langsam los lief. Das gleichmäßige Schaukeln wiegte mich in den Schlaf. Nur ab und an hörte ich ihn: „Me Karos, me Karos.“ murmeln. Es klang so verzweifelt, dass sich mein Herz zusammenzog, wann immer seine Worte zu mir durchdrangen. So ritt er mit mir durch die Nacht. Ich hatte inzwischen jedes Zeitgefühl verloren. Der Weg schien endlos zu sein. Irgendwann hörte ich nichts mehr.

Als ich meine Augen das nächste Mal aufschlug, lag ich in einem dämmrigen großen Raum. Es roch nach Stall und verbranntem Holz. Auf mir lag eine schwere, graue Pelzdecke. Mein Kopf hämmerte leise. Ein kleines Mädchen mit hellblonden Zöpfen spielte leise mit Holzmurmeln. Ich beobachtete sie eine Weile. Sie blickte auf und sah mir mit ihren hellblau leuchtenden Augen in meine Seele.

Ich sah, dass sie sich an etwas erinnerte. Dann sprang sie auf und ließ mich in dem großen Raum allein. Die Decke wurde von zwölf Balken getragen. Im Zentrum, von Feldsteinen eingefasst, brannte ein heimeliges Feuer. Alles wurde davon in orange getaucht. Tageslicht fiel nur durch zwei dreieckige Aussparungen in den Giebeln. Die Wände waren aus Lehm. Ich blickte mich neugierig um. Außer meinem Lager gab es noch zwei weitere links von mir. Beide waren mit Tierfellen bedeckt. In einer Ecke stand ein Dreibein an dem ein rußiger Metallkessel hing. Es gab ein Regal mit Geschirr. Wo war ich hier nur hingeraten. Ich rieb mir ungläubig die Augen.

Ich hörte wie das Mädchen aufgeregt rief: „Fadar, fadar, si waknan.“

Es klang nicht deutsch. Jedenfalls nicht richtig. Irgendwie war die Melodie verschoben und die Betonung. Aber auch die Worte. Dennoch ich hatte diese Worte schonmal gehört. Mir fiel ein, wie der Dozent sie mit uns durchgenommen hat. Aber das war unmöglich. Wenn ich recht hatte, dann sprachen sie Westgermanisch. Das aufsteigende Unbehagen lief mir frostig über die Arme und hinterließ eine Gänsehaut. Ich schüttelte unwillig meinen Kopf. Der vorher dumpfe Schmerz, begann heftig zu pochen.

Das Mädchen und ein Mann betraten das Haus. Er musste sich bücken, um durch die niedrige Tür zu schreiten. Als er sich erhob spielten Lachfältchen um seine Augen und er trat näher. Wenn das noch dasselbe bedeutete, wie in meiner Zeit, drohte mir zumindest keine Gefahr.

Haili, frowen.“ grüßte er mich.

Die Begrüßung dürfte ich hinbekommen. Ich dachte kurz darüber nach und antwortete dann: „Haili, manna.“ Er schaute mich merkwürdig an. Ich war mir ziemlich sicher, dass ich das richtig gesagt hatte. Das konnte ja heiter werden. Mein Mund wurde trocken. Ich leckte über meine Lippen und merkte, dass sie aufgesprungen waren: „Pursti“ brachte ich mühsam hervor. Ich hoffte, dass ich diesmal das richtige Wort gefunden hatte. Der Mann drehte sich von mir weg und goss etwas aus einem Krug in einen Becher. Anschließend hielt er ihn mir hin. Ich ließ erleichtert meine Schultern sinken, richtete mich mühsam auf und nahm den Becher in beide Hände. Misstrauisch schnupperte ich daran. Ich meinte mich zu erinnern, dass die Germanen Gerstenbier tranken. Doch mir stieg der herbe Geruch von Kräutertee in die Nase. Ich nippte vorsichtig daran. Er war warm und schmeckte nach Fenchel, Melisse und Johanniskraut. Offenbar wollte da jemand meine Stimmung verbessern und mir helfen mich zu entspannen. Ich trank zügig den Becher leer. Dann sah ich den Mann wieder an. Er beobachtete mich aufmerksam.

Kannst du uzstandan?“ fragte er.

Ich gewöhnte mich an den Singsang. Er wollte, dass ich versuchte aufzustehen. Langsam schob ich die Decke von mir weg und hängte meine Beine über die Kante. So da tätschelte meine Hand. Egmont trat zu Marada. Ich musterte ihn interessiert. Sein Haar hatte er zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden. Er war eher sehnig als muskulös und seine wachen Augen musterten mich. Irgendetwas schien ihm an mir zu missfallen. Ich blickte an mir herunter. Ich trug meine rote Leinentunika und die braune Hose. Meine Füße waren nackt. Damit unterschied ich mich gar nicht so sehr von ihm. Er trug ebenfalls eine Tunika und eine eng anliegende Hose. Über seine linke Schulter hatte er ein großes braunes Wolltuch geworfen und es auf der rechten Schulter mit einer silbernen Fibel geschlossen. Ob es an der roten Farbe meiner Tunika lag? Vielleicht kanten sie kein Weinrot. Ich sah Marada an. Sie trug ein braunes Wollkleid. Trugen Frauen hier etwa keine Hosen? Mist. Auch in meinen Rucksack hatte ich keine Röcke oder Kleider gepackt. Ich konnte ja auch nicht ahnen, dass ich an einen Ort reisen würde, der so rückschrittlich war. Ich sah mich suchend in dem Raum um. Der Rucksack stand neben dem Kopfende meines Lagers. Ich wusste nicht ob mir der Inhalt hier etwas nützen würde, aber ich war froh ihn zu sehen.

Marada, wir müssen uns unterhalten.“ sagte Egmont bestimmt.

Und das werden wir. Doch jetzt kümmern wir uns erst einmal um unseren Gast.“ Marada lächelte mich freundlich an. Egmont biss knirschend seine Zähne aufeinander. Dann fluchte er leise und stürmte ohne ein weiteres Wort aus dem Haus.weit so gut. Sacht richtete ich mich auf. Mir wurde schummerig. Ich schloss meine Augen. Da machte er einen Schritt auf mich zu, fasste meinen Arm und stützte mich. Ich holte tief Luft. Dann öffnete ich meine Augen und sah seine besorgte Mine direkt vor mir. Seine Augen blickten eindringlich in meine. Das blau war so hell wie der Sommerhimmel nur ein dunkler Kreis umschloss seine Iris. Als unsere Blicke sich trafen zischte er erschrocken und wich vor mir zurück. Er wandte sich an das Mädchen: „Pass auf sie auf.“ er machte auf dem Absatz kehrt und wollte gerade das Haus verlassen, als eine alte Frau auf der Schwelle erschien. Haili, Egmont.“ sprach sie ihn an. „Haili Marada.“

Ist dein Gast wohlauf?“

Es hat den Anschein.“ er rieb sich abwesend über die Stirn.

Ich musste mich sehr anstrengen, aber ich konnte sie verstehen. Da mir wieder schlecht wurde ließ ich mich auf das Lager plumpsen. Das lag vermutlich an der Erkenntnis, dass ich sehr weit weg von zu Hause war. Ich hatte einen Schock. Ich tat, was man bei einem Schock tut. Ich legte mich auf den Rücken und hielt meine Beine in die Luft. Das Blut strömte aus meinen Beinen, was ich dankbar registrierte. Ich hatte schon von Zeitreisen gelesen, aber sie als bloße Spinnerei abgetan und jetzt schien ich mittendrin zu stecken. Ich schüttelte ungläubig meinen Kopf. Dabei erhaschte ich einen Blick auf die anderen. Marada, Egmont und das Mädchen starrten mich mit großen Augen an. Offenbar hatten sie so etwas noch nicht zu Gesicht bekommen. Ich ließ meine Beine sinken.

Marada löste sich als erstes aus ihrer Starre. Sie kam auf mich zu und sprach mich an: „Haili, Kind. Fühlst du dich besser?“

Tja, also verstehen konnte ich sie, aber zu antworten war eine eher langwierige Aufgabe. Ich wünschte ich hätte besser aufgepasst. Da mir keine passenden Worte in den Sinn kamen, nickte ich lächelnd und hoffte, dass das noch das gleiche bedeutete, wie in meiner Zeit.

Gut.“ Marada tätschelte meine Hand. Egmont trat zu Marada. Ich musterte ihn interessiert. Sein Haar hatte er zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden. Er war eher sehnig als muskulös und seine wachen Augen musterten mich. Irgendetwas schien ihm an mir zu missfallen. Ich blickte an mir herunter. Ich trug meine rote Leinentunika und die braune Hose. Meine Füße waren nackt. Damit unterschied ich mich gar nicht so sehr von ihm. Er trug ebenfalls eine Tunika und eine eng anliegende Hose. Über seine linke Schulter hatte er ein großes braunes Wolltuch geworfen und es auf der rechten Schulter mit einer silbernen Fibel geschlossen. Ob es an der roten Farbe meiner Tunika lag? Vielleicht kanten sie kein Weinrot. Ich sah Marada an. Sie trug ein braunes Wollkleid. Trugen Frauen hier etwa keine Hosen? Mist. Auch in meinen Rucksack hatte ich keine Röcke oder Kleider gepackt. Ich konnte ja auch nicht ahnen, dass ich an einen Ort reisen würde, der so rückschrittlich war. Ich sah mich suchend in dem Raum um. Der Rucksack stand neben dem Kopfende meines Lagers. Ich wusste nicht ob mir der Inhalt hier etwas nützen würde, aber ich war froh ihn zu sehen.

Marada, wir müssen uns unterhalten.“ sagte Egmont bestimmt.

Und das werden wir. Doch jetzt kümmern wir uns erst einmal um unseren Gast.“ Marada lächelte mich freundlich an. Egmont biss knirschend seine Zähne aufeinander. Dann fluchte er leise und stürmte ohne ein weiteres Wort aus dem Haus.