Semnonenhain 1

Im Rahmen der Novemberchallange 2016 habe ich mir vorgenommen, meinen ersten historischen Roman zu schreiben. Er heisst „Semnonenhain“ und ihr könnt hier die erste Rohfassung lesen. Das heißt, es wurde nicht überarbeitet, nicht lektoriert und schon gar nicht korrigiert. Wenn Euch Rechtschreibfehler zur Weißglut treiben, dann solltet ihr es auf keinen Fall lesen. Wartet lieber bis es als Buch erscheint. Allen, die das nicht abschreckt, wünsche ich viel Spaß mit meinem neuen Werk.

Eins noch, die rot markierten Texte müssen noch auf Richtigkeit geprüft werden. Sie sind germanisch, bzw. urindogermanisch und ich suche noch nach einem guten Wörter- und Grammatikbuch dafür. Wenn ihr eins kennt, freue ich mich über Eure Empfehlungen.

Semnonenhain

Zu Samhain wird,

was du ersehnst,

am Götterstein sich finden,

ob Nerthus Segen,

ob Hels Fluch,

Nornen dich daran binden.“

Marada 11 v. Chr.

1.

Wie Feuer fraß sich sein Schlag von ihrer Wange durch ihre Zellen, brannte sich förmlich in ihr Gehirn. Für einen Moment lähmte sie die Fassungslosigkeit. Dann atmete sie geräuschvoll ein und zischte: „Wie konntest du.“

Er lachte höhnisch.

Sie taumelte zurück.

Dass er es nicht bedauerte, riss ihr das Herz entzwei. Der Mann den sie liebte, dem sie vertraut hatte, verachtete sie. Sie schüttelte ihren Kopf um ihn klar zu bekommen.

Reiß dich zusammen, verliebte Kuh!“ schalt sie sich eindringlich. „Mit Schlägen kennst du sich schließlich aus. Handle!“ Als er sich abwandte, um erneut auszuholen, machte sie auf dem Absatz kehrt, floh ins Schlafzimmer, schmiss die Tür hinter sich zu und hatte abgeschlossen, ehe er begriff was geschah. Dass er vor Zorn raste, wurde ihr mit jedem seiner wütenden Schläge mit denen er die Tür malträtierte klarer. Ihre morbide Faszination legte sich schlagartig, als das Holz knackte. Sie zog ihren Rucksack aus der hintersten Schrankecke hervor. Diesmal war sie vorbereitet. Sie warf sich ihr graues Wollcape über, zog ihre grünen Loonts an und öffnete das Fenster. Das Schlafzimmer lag im ersten Stock und als Kinder waren sie und ihr Bruder immer aus Jux hinausgesprungen. Doch als sie jetzt nach unten blickte, kam es ihr ziemlich hoch vor. Sie kletterte zögerlich auf das Fensterbrett. „Los, Angsthase spring.“ versuchte sie sich zu ermutigen. Deutlich nachdrücklicher halfen ihr die quietschenden Angeln nach. Sie fiel auf weichen Rasen und rannte auf die Straße. Kurzentschlossen wandte sie sich nach rechts. Dort würde sie den größten Vorsprung haben. Am Rohrpfuhl, so hieß die Straße mündete in einer Sackgasse. In dem Moment, als sie an der Straßenabsperrung vorbei auf die Freienwalder Straße lief, zersplitterte die Holztür. Sie bog nach rechts ab und rannte so schnell sie konnte in Richtung Stadtzentrum. Flüchtig bemerkte sie Kerzen in einigen Fenstern. Leises Bedauern durchfuhr sie, weil sie für ihre Verstorbenen dieses Mal keine würde aufstellen können.

Emma!“ sein wütendes Gebell durchschnitt die kühle Luft. In seinem Schrei, lag der Schwur, dass er nicht aufgeben würde, bevor er sie zu fassen bekam. Eisig rieselte ihr die Vorahnung den Rücken hinab. Sie sprintete los. Sie betete stumm: ‚Bitte mach, dass er das Auto nimmt!‘ Sie wusste, dass sie so eine bessere Chance hatte. Sie war gerade auf Höhe der Gersdorfer Straße als der Motor seines BMW X aufjaulte. Sie wusste, dass er in diesem Zustand zu allem fähig war. Sie versuchte noch schneller zu rennen. Sie hatte mehr als die Hälfte der Strecke zurückgelegt. Ihre Bronchien brannten und sie bekam Seitenstiche. Beim Anfahren quietschten die Reifen so laut, dass sie erschrocken zuckte. Erst jetzt bemerkte sie, dass keine Menschenseele unterwegs war. Dröhnend entfernte sich der BMW. Er musste außen lang fahren. Doch wie es klang fuhr er hundert km/h, er würde so bald vorne an der Freienwalder Straße ankommen. Sie begann tonlos zu beten: „Gott, bitte hilf mir. Lass mich entkommen.“ Als sie hoch schaute sah sie die Tankstelle. Der alte Friedhof begann direkt dahinter. Das würde er nicht wissen. In ihrer Kindheit war sie oft auf dem Friedhof herum gestrichen. Meist allein. Nur einmal mit anderen Kindern. Sie waren in eine verwitterte Gruft gestiegen. Sie lief über die Straße und bog links in den Sandweg ab. Da hörte sie den BMW hinter sich näher kommen. Ihr wurde schlecht. Sie musste jetzt bergan laufen. Aber sie konnte nur noch gehen, weil Panik ihr die Luft abschnürte. Sie lief in die Bäume und versuchte krampfhaft das alte Gittertor zu finden. Er raste über die Kreuzung direkt auf sie zu. Sie entdeckte etwas massiveres im Maschendrahtzaun. Sie sah im Augenwinkel, dass der BMW fast auf ihrer Höhe war. Sie musste sich mit aller Kraft gegen das Tor stemmen, um es auf zu drücken. Anschließend begann sie wieder zu rennen. Sie bog wild mal hierhin, mal dorthin ab. Er knallte die Autotür zu, dass die Scheiben klirrten. Sie raste panisch weiter. Der moosige Boden schluckte seine Schritte. Sie lauschte verzweifelt, als sie um die nächste Ecke bog. Er stand drohend vor ihr, seine kalten Augen verengt. Sie drehte sich ruckartig um, doch ehe sie fliehen konnte hatte er sie an ihrem langen Zopf gepackt. Da geschah alles gleichzeitig. Er zog sie hart zurück. Sie wimmerte, griff sich an die Schläfen. Er machte einen Schritt auf sie zu und wickelte ihren Zopf um seine rechte Hand und zwang sie auf den Boden. Ihre Knie sanken in das weiche Moos. Dabei sah sie den Revolver seines Großvaters in seiner Linken aufblitzen. Sie hatte die goldenen Intarsien auf dem dunklen Griff immer bewundert. Die Waffe verschwand aus ihrem Sichtfeld. Das eisige Metall des Laufs an ihrer Schläfe ließ sie frösteln. Ergeben schloss sie die Augen und schwanke doch unter der Todesahnung. Sie hörte ihren Henker keuchen, als er sich durchrang, es hier und jetzt zu beenden. Sie streckte Halt suchend ihren rechten Arm nach dem nächsten Grabstein aus. Ihr Kopf summte als befände sich ein Hornissennest darin. Kaum berührten ihre Finger den kühlen rauen Stein, explodierte ein rotes Feuerwerk in ihrem Kopf. Getroffen sank Emma zu Boden das Cape schwebte im Fallen. Es wurde dunkel und still um sie.