Paule

Bei mir ist alles anders. Ich habe viele Mütter. Es haben sich einfach keine Adoptiveltern gefunden, die sich ein krankes Kind aufbürden wollten.

Ob ich traurig darüber bin, fragst du?

Ja sicher, es war sehr schwer zu sehen, wie die anderen Kinder abgeholt wurden. Von strahlenden Elternpaaren. Nach Hause geholt. Und immer zurück zu bleiben. Das war besonders schwer. Ich habe oft bitterlich darüber geweint. All meine Geschwister sind inzwischen gegangen. Das war schon sehr schwer.

Aber mit zehn habe ich mit diesem albernen Kinderkram aufgehört. Ständig herum heulen, das gehört sich für einen Jungen in meinem Alter nun wirklich nicht. Inzwischen gehe ich schon fünf Jahre zur Schule. Bin also elf Jahre alt. Da ich jetzt das einzige Kind im Stift bin, bekomme ich Einzelunterricht von Mutter Margarete. Sie weiß unglaublich viel über die Welt in Ihren Büchern und ich halte sie für sehr weise.

Immer, wenn ich Sorgen hatte oder nicht wusste, was ich in dieser Welt sollte, wo mich ja doch niemand haben wollte und trübsinnig in die Gegend starrte, sagte sie nur: „Paule, Alles ist für etwas gut, auch wenn du es jetzt vielleicht nicht sehen kannst. Hab‘ Vertrauen.“ Das fiel mir unglaublich schwer, aber was soll ich sagen? Sie sollte recht behalten. Und das kam so:

Eines Nachts wurde ich plötzlich wach. Erst lag ich kurz still, verwundert darüber, was mich wohl so plötzlich geweckt haben könnte. Ich lauschte. War da nicht ein knisterndes Geräusch? So wie ein Lagerfeuer. Ich schnupperte. Ja, es roch nach Lagerfeuer. Es war stockfinster draußen. Da machte doch keiner Lagerfeuer. Oder?

Ich zog mir schnell meinen Trainingsanzug und die Schuhe über. So schnell es eben ging in meinem Zustand… also quälend langsam für alle anderen… aber außer meiner eigenen Ungeduld trieb mich niemand an.

Endlich war ich fertig, nahm meine Krücke und humpelte immer der Nase nach, direkt in die Richtung aus der der Geruch kam. Den langen Gang entlang wurde es immer lauter und roch stärker.

Dann bog ich um die Ecke, eine Hitzewand schlug mir entgegen und ich sah, dass die Küche lichterloh brannte.

Ich verfiel in Panik. Denn, wenn niemand das Feuer aufhielt, würde es als nächstes auf die Bibliothek und die Schlafsäle übergreifen.

Oh mein Gott, dachte ich: ‚Die Nonnen, ich muss sie wecken und die Feuerwehr herbeirufen.‘ Das einzige Telefon im Stift, stand allerdings im Arbeitsraum der Äbtissin und das wurde Nachts abgeschlossen. Und um die Nonnen zu wecken, hätte ich durch die Küche gehen müssen.

Ich fragte mich verweifelt, was ich nur tun sollte. ‚Bitte lieber Gott hilf mir‘, betete ich inbrünstig.

Da fielen mir die Kirchturmglocken ein. ‚Das ist es!‘, dachte ich. ‚Sturmgeläut würde alle wecken auch im Dorf.‘ Nur gut, dass die Kirche immer offen war. Ich humpelte los. Es hatte etwas von Fliegen. Ich schwebte förmlich an meinem Stock vor Eile. Durch das ganze Kirchenschiff. Das bedrohliche Prasseln war nun gedämpft, was es nur noch unheimlicher klingen ließ. Wie ein Raubtier, was mich belauert.

Ich wusste, dass es da ist, aber ich konnte es nicht sehen. Schon kam ich an der Treppe an und machte mich an den beschwerlichen Aufstieg. Das verkrüppelte Bein zog ich die Stufen hoch. Noch eine, noch eine, noch eine… ich dachte gar nicht darüber nach, dass es fünfzig Stufen waren bis ins Chorgestühl. ‚Noch eine, noch eine.‘, war das Einzige, was ich dachte.

Endlich war ich oben angekommen, schleppte mich zum Seil und hing mich mit aller Kraft daran. Ohrenbetäubendes Getöse durchschnitt augenblicklich die Stille der Nacht. Mit meinem gesunden Bein stieß ich mich vom Boden ab nochmal…nochmal…nochmal. Meine Hände brannten mit dem Feuer um die Wette. Nochmal…nochmal…nochmal. Als ich nicht mehr konnte, ließ ich los stürzte und blieb völlig fertig liegen, wie ich gefallen war. Bitte lass es genug gewesen sein lieber Gott. Mein Stoßgebet ist das letzte woran ich mich erinnern kann.

So haben sie mich dann wohl gefunden. Die Nonnen. Meine Mütter.

Und als Mutter Margarete mich im Krankenzimmer besuchte sagte sie: „Siehst du Paule, ich wusste es die ganze Zeit, dich hat Gott zu uns gesandt. Du bist ein echter Glücksgriff!“

Das hat mich mit meinem Schicksal ausgesöhnt… bei mir ist es halt anders, als bei Anderen, aber ich bin mir jetzt ganz sicher, dass Alles für etwas gut ist. Ich war noch da gewesen, als sie mich am meisten brauchten. Außerdem, weiß ich jetzt, dass ich Pfarrer werden will. Ich möchte anderen helfen zu vertrauen.